Vom Duell mit der Waffe zum Duell mit der Feder. Georg Herwegh im Streit mit dem Schulratspräsidenten

Kurz vor Weihnachten 1864 wurde der Ingenieurstudent Horace Herwegh vom Eidgenössischen Polytechnikum (heute ETH Zürich) verwiesen. Der Ausschluss erfolgte in zwei Schritten: Im Sommer 1863 hatte sich Herwegh duelliert und damit gegen das Duellverbot der Hochschule verstossen. Angesichts der guten Leistungen des Studenten liess es der Schulratspräsident Johann Karl Kappeler vorerst bei einer strengen Ermahnung bewenden. Als Herwegh dann aber im letzten Quartal 1864 gleich von mehreren Professoren schlechte Noten für Leistung und Betragen erhielt, wurde der sofortige Schulverweis Tatsache.

Matrikel Horace Herwegh, Ausschnitt

Der Stein des Anstosses: Georg Herweghs Sohn Horace wird Ende 1863 „wegen Duell und Unfleiss“ mit schlechtem Quartalszeugnis von der Hochschule verwiesen. (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, EZ-REK 1/1/647, Ausschnitt)

Das rief den Vater des Studenten, den bekannten sozialistisch-revolutionären deutschen Dichter Georg Herwegh auf den Plan, der 1839 Zuflucht in der Schweiz gefunden hatte. Seine pointierten Beschwerdebriefe an den Schulratspräsidenten wurden kürzlich im Band 6 der kritischen und kommentierten Gesamtausgabe „Georg Herwegh: Werke und Briefe“ (hrsg. von Ingrid Pepperle) veröffentlicht.

Interessanterweise protestierte Herwegh nicht gegen den Verweis seines Sohnes wegen Übertretung des Duellverbots. Was er mit spitzer Feder anprangerte, war der Vorwurf des „Unfleisses“ und die schlechten Quartalsnoten, hinter denen er ein Racheakt dafür vermutete, dass sein Sohn dem Schuldirektor Pompeius Alexander Bolley nie verriet, mit wem er sich duelliert hatte. Für Herwegh beruhte das Zeugnis auf Unwahrheiten und war Ausdruck eines Machtmissbrauchs:“[…] der Eidg. Schulrat hatte nur die Macht, u. nicht das Recht, alle Grundsätze der Humanität so mit Füssen zu treten, wie er gethan, u. einen Studirenden, der fünfjährige gute Zeugnisse aufzuweisen hat, mit einer solchen Nachrede […] aus der Anstalt zu entlassen.“

Mag sein, dass Herweghs Bekanntheitsgrad und seine Freundschaft mit Gottfried Semper dazu beitrug, dass der Schulratspräsident Herwegh sehr ausführlich antwortete (Archive und Nachlässe, SR 1, 1864, Missive 4; nicht in oben genannter Ausgabe enthalten). Zwar wies Kappeler die Beschwerde mit Nachdruck zurück, rechtfertigte aber jede einzelne ausgestellte schlechte Zeugnisnote. Auch wenn sich dadurch an dem Quartalszeugnis seines Sohnes nichts ändern liess, verfasste Herwegh ein erneutes Schreiben an den Schulratspräsidenten, das im Stile eines politischen Pamphlets endet. Ehrenhaft sei es von seinem Sohn gewesen, schreibt Herwegh, „seinen Gegner im Duell nicht wie ein feiger Schulknabe seinem Schulpascha zu denunzieren.“ Und: „Hoffentlich wird es mein Sohn auch künftig allen Bolleys der Welt gegenüber so halten.“

Die schlechten Noten von 1864 verbauten Horace Herweghs berufliche Laufbahn übrigens nicht. Nach dem Verweis vom Polytechnikum ging er als Ingenieur zunächst in die USA und später nach Paris, wo er 1901 starb.

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